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Der Bluthund

Christoph Scheuring über den TV-Nachrichtenjäger Wolfgang Wiebold

Die rechte Hand kramt nach den Zigaretten, und die linke hält das Mobiltelefon, und mit den Knien dirigiert er den BMW über die Straße. Wie ein Besessener. Nur Vollgas oder Vollbremsung und nichts dazwischen. Mit 240 km/h durch den Abendverkehr. Kein Mitleid mit den ängstlichen Schleichern. Und keine Gnade mit den selbsternannten Verkehrserziehern. Diesen pedantischen Oberlehrern, die 100 fahren, wenn 100 erlaubt sind, und mit reinem Gewissen die linke Fahrbahn blockieren. Großer Gott, wie er sie alle verachtet.

Wie er kocht, wenn er länger als 30 Sekunden hinter ihnen herzuckeln muß. Dann schwellen die Adern an seinem Hals zu fingerdicken Tauen, und er feuert das Mobiltelefon auf die Konsole, und am liebsten würde er den Vordermann auf den Grünstreifen drücken: "Jetzt reg' ich mich aber auf", sagt er, "was haben die für 'ne Ahnung. Hier auf der Autobahn werden doch meine Schlachten entschieden."

Schlachten sind das, die er jede Nacht schlagen muß - um Tote, Verletzte, Verzweifelte, um zerdrückte Autos, zerfetzte Leiber oder zertrümmerte Häuser, je schneller, desto besser, frisch und exklusiv, am besten noch dampfend, zum Frühstueck serviert von den deutschen Fernsehanstalten. Wolfgang Wiebold, 44, ist ein Nachrichtenjäger. So nennt er sich selbst.

Andere Leute sagen "Blutsauger" zu ihm. Oder "Mann ohne Mitleid", "Schmarotzer" und "Parasit", "einer, der sich am Unglück anderer Menschen bereichert". Denn sein Geschäft sind Großbrände, Massenkarambolagen und Geiselnahmen. Und was die privaten Fernsehsender sonst noch für eine Nachricht halten. Wiebold liefert das Grauen. Für RTL, Sat 1 oder Pro 7. Manchmal steht auch die "Tagesschau" in der Schlange.

Denn die Zeiten sind härter geworden, seit es private Nachrichtensendungen gibt. Früher mußten die Nachrichten zuerst Nachrichten bringen. Heute zuerst eine gute Quote. Die Sendung muß Schlüßelloch sein und die Instinkte kitzeln, und dazu braucht es Reporter, die im Schmutz wühlen und den Polizeifunk abhören und ein schnelles Auto besitzen.

Gierige, kalte Typen, die mit der Videokamera auf dem Kopfkissen schlafen und denen es egal ist, wenn die anderen sie für Arschlöcher halten. Typen, die hinfahren, draufhalten und zu schnell sind für den moralischen Skrupel. Die zu professionell sind, um in den Opfern noch Menschen zu sehen, und zu oberflächlich, um sich für die Hintergründe zu interessieren. Kalt, präzise, autark und ohne Angst vor einer verirrten Kugel.

Es ist ein neuer Typ Fernsehjournalist, der da entstanden ist: ein Mobiles Ein-Mann-Kommando, das alles kann und alles aushalten kann und sich für nichts zu schade ist, nicht mal fürs Klinkenputzen. Ein Kommando, das ohne schußsichere Weste in den Krieg der Städte zieht und ohne Atemmaske Bilder vom Chemieunfall liefert, und das jeden Tag Dinge sieht, die andere Menschen um den Verstand bringen würden.

Trotzdem sind diese Typen keine Helden, denn sie helfen nicht in der Not. Sie sind auch keine Laumänner, denn sie laufen nicht weg, und sie sind keine Arschlöcher, denn sie besorgen nur das, wonach wir sowieso alle gieren. Wie aber schaffen sie das, ohne dabei zu würgen? Ohne dabei zu retten, selbst wenn es nichts mehr zu retten gibt? Was macht der Mensch mit dem sinnlosen Schrecken? "Nichts macht er", sagt Wiebold, "was soll schon sein. Er macht seine Arbeit, die Kamera, den Ton, und dann stellt er vielleicht noch ein paar dämliche Fragen. In der Redaktion schneidet er dann die Bilder. Macht den Text. Und ab in den Äther."

Und das alles passiert bei Wiebold kalt und präzise, und keiner ist dabei professioneller und schneller als er. Keiner ist früher am Tatort und früher auf Sendung, und keiner interessiert sich weniger für Verbote und Absperrungen oder für das Gequatsche der wichtigen Leute. Und so stammten die ersten Bilder des Gladbecker Geiseldramas aus seiner Kamera. Er war auch als erster in Solingen nach dem Brandanschlag. Und deshalb waren es seine Bilder, die das Gruseln vor den Deutschen wieder in die Gehirne der Menschen stanzte: ein sauberer, kalter Edelstahlsarg, wie er auf einer Feuerwehrleiter aus der verkohlten Ruine zu Boden schwebte. Gefilmt von Wiebold am Morgen danach.

Die halbe Welt sah dieser Sequenz damals zu. Und mit Sicherheit bewirkte sie mehr als die armseligen Worte des Kanzlers ein paar Stunden später. Trotzdem war Wiebold nicht sonderlich stolz auf dieses Werk. Denn die politische Bedeutung seiner Arbeit kümmert ihn wenig. Ihn interessiert auch nicht Moral oder Wirkung, und völlig egal sind ihm Linienführung und Kunstgehalt seiner Bilder.

Das einzige, was wirklich zählt, ist Geschwindigkeit. Und daß er noch Bilder besorgen kann, wo seine Kollegen längst kapitulieren. Das liegt an seinem Fahrstil und dem BMW 535, mit dem er nachts sechs Minuten für 20 Kilometer braucht und keine Sekunde länger. Außerdem kennt er jeden Blitzautomaten im Ruhrgebiet und jeden Schleichweg zu jedem Stadtteil, nur Herzogenrath kennt er nicht. Irgendwo kurz vor Aachen - hat es geheißen.

Dort hat ein Gangster vor drei Stunden ein paar Geiseln genommen und sich in einer Sparkasse verschanzt. Und deshalb jagt Wiebold jetzt mit 240 über die Autobahn, lenkt mit den Knien, raucht Kette und telefoniert mit der Redaktion von teuto-tele, die als Subunternehmen für RTL arbeitet und ihm eine Pauschale zahlt. "Hör mal", sagt er, "frag doch den Dingens, den Möller, wo dieses Kaff genau liegt", aber Möller sitzt gerade im "Wienerwald", und deshalb biegt Wiebold jetzt kurz vor Aachen von der Autobahn runter, aber Herzogenrath ist nirgendwo ausgeschildert, und deshalb stochert er mit seinen Scheinwerfer-Fingern im Dunkeln herum, ohne eine Idee zu haben.

"Wenn ich da wohnen würde", schimpft er, "da würd' ich aber Dampf machen, das sach ich ganz ehrlich." Dann taucht die erste Tankstelle aus dem Nebel. Wiebold reißt das Lenkrad herum, aber er erwischt die Einfahrt nicht richtig, und deshalb tritt er voll auf die Bremsen, und der BMW kippt fast auf die Seite, bevor er knapp vor einer Straßenlaterne zum Halten kommt. Er springt aus dem Wagen und läuft die Einfahrt hoch, und als er zurückhastet, pocht wieder die dicke Ader, und er sagt: "Mindestens sechs Minuten verloren, was für 'ne Scheiße."

Nach zehn Minuten erreicht er trotzdem das Zielgebiet. Überall Polizisten. Und hinter jedem Busch klumpen die Gaffer zu dicken Trauben. Die Fußgängerzone aber ist leer, nur rote Pflastersteine und zwei Kugellaternen und ein Holland-Rad mit einem weißen Korb hinter dem Sattel. Es gehört einer Geisel. "17 Menschen hat er in seiner Gewalt", flüstern die Leute. "Und Handgranaten soll er haben und eine Maschinenpistole auch."

Wiebold stellt den Wagen am Rande der Brücke ab, neben dem Bach, mitten im Schußfeld des Geiselnehmers. Er wuchtet die Sony aus dem Kofferraum und peilt die Straße hinunter: ein Null-Motiv, beschissener Standpunkt und 50 Kollegen an jeder Ecke. "Wenn du Pech hast, passiert hier 20 Stunden lang nix", brummt er. "Und dann ist in zwei Minuten alles vorbei. Und jeder drittklassige Kameramann hat das gleiche Bild wie du auf der Platte."

Also besorgt sich Wiebold zuerst einen Kaffee. Dann stiert er wieder auf die Bank gegenüber. Keine Bewegung. Manchmal rumpelt die Regionalbahn vorüber. Oder eine Autotür knallt in der Ferne. Dann rucken die Leute herum wie Bussarde auf der Lauer. War da was? Flüchtet da einer? Und der leitende Redakteur von RTL reckt seinen Hals in den Himmel und sagt: "Tut sich was, Leute, wir dürfen hier nichts verpassen."

Aber niemand verpaßt hier irgendwas, und so erstarrt er wieder in geduckter Erwartung. Wiebold dagegen steigt von einem Bein auf das andere. Höchstens zwei Grad über Null. Und kein Schutz gegen die Kälte. Er trägt dünne Slipper zur blauen Jeans und ein rotes Sakko. Und nichts mehr darüber. Keine Zeit gehabt, etwas Wärmeres anzuziehen. "Klasse Nummer" sagt er, "ich liebe schwachsinnige Geiselnehmer."

Dann rollt ein dicker Typ heran, der fürs Radio arbeitet und in seinem BMW ein mobiles Fax spazierenfährt. Bei jedem Schritt schlingert sein Bauch wie der Pudding in einer Schüssel. "Großfeuer in Kleve", sagt er, "mindestens fünf Verletzte", und da wird Wiebold ganz blaß um die Nase, weil ein Großfeuer dramatische Bilder bringt und nicht so öde aussieht wie eine leere Fußgängerzone. "Scheiße", sagt er, "da muß ich hin", aber der Dicke feixt nur und sagt, "kleiner Scherz am Rande", denn er kennt Wiebold und dessen Faible für große Feuer. Der aber findet das gar nicht komisch.

Seit 48 Stunden hat er nicht mehr geschlafen und nichts mehr gegessen, und auch eine Badewanne hat er in dieser Zeit nicht gesehen. Vor zwei Tagen gab es eine Geiselnahme in Duisburg und gestern einen Großbrand in Dortmund, und das hier ist die dritte Nacht,die er sich um die Ohren haut. Für Bilder, die jeder andere auch machen könnte. "Was für eine Verschwendung", sagt er, "ich sollte jetzt besser nach Hause fahren." Dummerweise hat die Polizei die Gegend weiträumig abgeriegelt und das Fernsehen zurückgedrängt in eine Seitenstraße, wo niemand mehr einen Blick hat auf den Ort des Geschehens. Statt dessen kann Wiebold die Auslage eines Möbelhauses bewundern: altdeutsche Schränke, eine schmiedeeiserne Lampe und jede Menge Vitrinen. Gegenüber befindet sich eine Kneipe. Sie heißt "Dimis Bier Pub" und hat zwei Geldspielgeräte, zwei elektronische Dart-Automaten und eine Rankpflanze unter der Decke.

Ein paar Männer werfen lustlos mit ihren Pfeilen. Und Dimi hat einen Vollbart und sieht ungefähr aus wie Jesus, aber dem Ansturm der Gaffer ist er nicht mehr gewachsen. Kein Kaffee, kein Essen, nur Bifis und Erdnüsse von Ültje und eine angeknabberte Schokolade. Gegen ein Uhr schließt er einfach die Kasse ab und schlurft lässig nach Hause.

Wiebold dagegen harrt immer noch aus. Obwohl es kein einziges brauchbares Bild gäbe, selbst wenn der Geiselnehmer jetzt mit Leuchtmunition herumballern würde. Keine Sicht auf die Bank, eine ganz frustige Nummer. Dann federt ein Polizist auf die Journalisten zu.

Da ist so ein Kleiner, mit gerecktem Kopf und Schuhbürstenfrisur und ganz weißen Zähnen. Bestenfalls 30 Jahre. Er baut sich breitbeinig auf, stemmt die Hände gegen die schußsichere Weste und sagt: "Jetzt gehen wir alle noch mal 50 Meter zurück, so wie wir es vorhin geübt haben." Wiebold sagt: "Machen Sie die Beine zusammen, wenn Sie mit mir reden, Sie kleiner Scheißer", und da gerät der Polizist kurzzeitig außer Tritt, aber alle anderen Journalisten trotten folgsam zurück, auch das Weichei von der Westdeutschen Allgemeinen.

"Wiebold, du nervst", sagt er. Und Wiebold sagt: "Logisch, ich wäre auch sauer auf einen Typen wie mich, wenn ich jeden Tag mit solch beschissenen Bildern nach Hause käme.

Und mein Chef mich dann fragen würde, wo ich mich schon wieder verkrochen habe. Was seid ihr nur für lausige Journalisten. Hauptsache, ihr habt keinen Ärger."

Dann packt er seine Geräte wieder zusammen, fährt nach Hause. Keine neue Information von dem Gangster. Auch bei der Polizei hat er sich bisher nicht gemeldet. Ziellos tuckert Wiebold jetzt über die Straßen. Durch den Essener Süden, wo das Ruhrgebiet schöner ist als irgendwo sonst, wie er findet. Er hat das Telefon ausgestellt, der Mond ist ein schmaler Strich, und durch das Auto wabert die Kaufhausmusik von Vangelis: "Twilight, volume two", in moderater Zimmerlautstärke. "Da stell ich mir jetzt einen Bach in einer Landschaft vor", sagt Wiebold, "und einen kleinen Wasserfall, und ich hab' das Gefühl, daß ich schwebe und was sonst noch so alles."

Sein Gesicht sieht müde aus, viel weicher als sonst, von einer brüchigen Melancholie überzuckert. Er hat braune Augen, die niemals weinen, und einen Mund, der nicht richtig lachen kann, und reichlich Narben, die er sich holt, immer wenn er ohnmächtig wird und mit dem Kopf auf den Fußboden bollert. So was passiert ihm öfter, wenn jemand von einer Verletzung erzählt, und sei es nur von einem Schnitt in den Finger. Dabei könnte er eine zerfetzte Leiche filmen, ohne auch nur zu zittern dabei. Als wäre alles Optische nicht real, nur ein kleiner, kraftloser Film in seinem Sucher. Erst die Phantasie hat genug Kraft, ihn aus den Schuhen zu hauen. "Keine Ahnung, woher das kommt", sagt er, "vielleicht ist es ja wie beim Sex. Da macht die Phantasie eine bekleidete Frau auch viel geiler, als sie hinterher in Wirklichkeit ist."

Oder aber seine Augen haben mehr gesehen als ein Mensch aushalten kann, und da hat er dann alles Lebendige weggesperrt in tiefere Schichten, wo es köchelt und gärt und nur darauf lauert, auszubrechen und alles wegzuhauen, wenn nur die Phantasie mal ein kleines Loch bohrt in seinen Panzer.

Aber das alles sind keine Dinge, von denen Wiebold gern berichtet. Lieber erzählt er von seinem Leben: daß er deutscher Jugendmeister mit der 800-Meter-Staffel war, und daß er mit seinem Vater selbst an Heiligabend noch auf dem Trainingsplatz stand, und daß er beinahe Trapezkünstler bei Carl Althoff geworden wäre, aber dann kam die Fotografenlehre dazwischen. Er wurde Pressefotograf für die NRZ und die WAZ, und 1985 machte er zum erstenmal Urlaub in seinem Leben und überquerte mit einem Segelschiff den Atlantik. Davon wollte er eigentlich ein kleines Video drehen, aber dann kam er mit 13 vollen Kassetten zurück.

Seit dieser Zeit ist Wiebold ein Junkie. Von 24 Stunden verbringt er 20 mit seiner Kamera, und das 7 Tage die Woche und 52 Wochen im Jahr. Und selbst zu Weihnachten kurvt er noch rum auf der Pirsch nach grausigen Bildern. Da hat seine Frau dann gestreikt und sich einen Beamten von der Vermessungsbehörde geangelt.

Wiebold leidet nicht mehr darunter. Er sucht auch nicht mehr nach einem anderen Mädchen, denn mittlerweile hat er so was Ähnliches wie eine Familie. Er fand sie beim Unglück auf einer Zeche in Gelsenkirchen vor ein paar Jahren. Damals war ein Kohlenzug über den Prellbock geschossen, und die Wagen hatten sich aufgefaltet wie ein riesiges Kartenspiel, und zuunterst war die Lokomotive, in der noch der Zugführer stecken mußte. Dessen Leiche brauchte Wiebold noch für seinen Bericht. Aber bis sie endlich geborgen war, konnte es Stunden dauern, und so lange wollte Wiebold nicht warten, und deshalb traf es sich gut, daß da ein schwarzhaariger Junge über die Trümmer turnte und nach kleinen Aufregungen in dem Chaos wühlte. Dieser Junge hieß Dirk und bewachte für Wiebold das Telefon, bis der mächtige Kranwagen die Diesellok endlich auf seinem Haken hatte.

Danach fuhren beide zum Sender, und auf der Fahrt erzählte Dirk ihm sein ganzes lausiges Leben, von den sieben Geschwistern und dem Heim in Hennef, aus dem er gerade geflohen war, und da wurde Wiebold klar, daß er den Jungen nie wieder zurückschicken konnte. Er gab ihm ein Zimmer und den Job eines Assistenten, und als der Junge volljährig wurde, bekam er auch noch den Führerschein und einen BMW 316i touring.

Heute ist Dirk verheiratet und bewohnt eine eigene Wohnung, aber Wiebolds Assistent ist er immer noch. Außerdem betreut er die beiden Irish Setter, die Babsi und Bonni heißen und Wiebold mehr bedeuten als alle Menschen auf dieser Welt. Sie schlafen in seinem Bett, auf seiner Schulter, und springen zum Fernsehen auf seinen Schoß, und selbst bei 240 km/h stehen sie noch auf der Mittelkonsole und schlabbern ihm über die Augen.

Jetzt aber wartet Babsi in seiner Wohnung und stürzt auf ihn zu, und Wiebold sagt: "Mein Schätzchen, ja, ist ja gut, ja, ich hab dich doch lieb", und dabei schüttelt er ihren Kopf mit beiden Händen, und der Hund jault vor Glück, und Wiebold könnte das gleiche tun, wenn er nur anders erzogen wäre. Er tollt mit ihr durch das Schlafzimmer, das immer noch aussieht wie zu Zeiten von Wiebolds Ehe. Mit lindgrünem Teppichboden und lindgrünen Wänden und einem Kirschbaumbett, das 25000 Mark gekostet hat. Ausgesucht und plaziert von seiner Frau. Und einer Designerin, die dafür auch noch mal Geld kassierte.

Er ändert es trotzdem nicht, weil er sowieso nirgends zu Hause ist und schon gar nicht in dieser Wohnung. Für ihn ist sie nicht mehr als eine riesige Kleiderkammer mit einer Badewanne darin. Selbst für das Frühstück verläßt er sie wieder. Er fährt zur Aral-Tankstelle ganz in der Nähe, wo er jeden Monat für 2000 Mark tankt und wo es um fünf Uhr morgens schon frische Brötchen gibt und Cappuccino für eine Mark fünfzig.

Wahllos greift er in die Vitrine und schlingt dann drei belegte Sandwichs herunter, in ungefähr 15 Sekunden, ohne zu kauen. Dann sagt er: "Jetzt noch 'ne kalte Dusche und etwas Rasierwasser, und ich bin wieder fit." Dabei hat er seit 56 Stunden nicht mehr geschlafen. "Schau mich an", sagt er, "tief drinnen bin ich müde, aber außen bin ich immer noch wach. Ich könnte jetzt noch drei Tage arbeiten. Ohne Probleme." Trotzdem fährt er zurück in die Wohnung, und als er sie wieder verläßt, geht die Sonne schon wieder unter.

In der Redaktion erzählen sie, daß sich die Geiseln befreit haben, und danach hat sich der Gangster selbst in die Luft gesprengt. Ein ehemaliger Söldner aus der Fremdenlegion. Und ein langgesuchter Verbrecher. Aber kein Sender hat das Bild von der Leiche.

"Typisch", sagt Wiebold, und dann schlängelt er sich wieder planlos durch den Feierabendverkehr von Essen. Was soll er sonst auch machen. Das Auto ist der einzige Ort, an dem er mit sich allein ist und trotzdem mitten im Leben. An dem er Ruhe hat und trotzdem nicht die Angst fühlt, etwas Wichtiges zu verpassen. Er hört Radio und Polizeifunk, und irgendwo im Sauerland sitzt noch ein Helfer, der mit einem großen Sendemast den Himmel abhorcht nach Neuigkeiten. Mit ihm ist er über das Handy verbunden. "Unfall in Bottrop", sagt der Helfer, "wahrscheinlich ein Toter. In der Gladbecker Straße."

Normalerweise bewegt sich Wiebold bei einer solchen Meldung nicht von der Stelle. Einen einzelnen Toten bringt nicht einmal die Regionalsendung von RTL. Aber die Gladbecker Straße ist keine zehn Wiebold-Minuten entfernt, und sie ist eine vierspurige Ausfallschneise, mit geklinkerten Siedlungshäusern und jeder Menge Verkehr. Wahrscheinlich schlagen sich die Zuschauer wieder um die besseren Plätze.

Als Wiebold dort ankommt, spannt die Polizei gerade ihr Flatterband, und die Leichenteile sind abgedeckt mit einem weißen Laken. Nur auf der Gegenfahrbahn liegt noch der Unterschenkel der toten Frau. Es ist eine 82jährige Oma, die nur mal kurz über die Fahrbahn wollte. Zerrissen von einem Motorradfahrer, der mit 100 km/h heruntergekachelt war. Das Motorrad liegt ausgebrannt 200 Meter weiter. Und der Fahrer kämpft im Notarztwagen um sein Leben.

"50 zu 50", sagt der Einsatzleiter der Polizei. "Wenn er stirbt, ist es eine Geschichte", antwortet Wiebold, und so lange wartet er. Routiniert schwenkt er die Kamera über die Szene. Motorrad, Polizei, Kreidestriche auf dem Asphalt. Und die Leiche unter dem Laken. Kein Wackler dabei. Das Bein auf der anderen Seite filmt er nicht. Und er hält auch nicht drauf, als die Oma in den Stahlsarg gebettet wird, und das Laken verrutscht und das intakte Bein über den Rand ragt und schlabbert.

In der Redaktion will dann trotzdem niemand die Bilder haben. Zu wenig Tote und zu viele vergleichbare Unfälle in diesem Jahr. Wenn es ein kleines Kind gewesen wäre, vielleicht. Aber doch nicht eine 82jährige Oma. Wiebold hat es nicht anders erwartet. Wieder so ein beschissener, sinnloser Tag. Er bleibt in der Redaktion, bis alle zu Hause sind bei ihren Familien. Durch die Jalousien leuchtet matt der Verkehr. Kaum noch Autos zu dieser Zeit. Und kein Mensch auf der Straße.

Wiebold sitzt am Schreibtisch und wühlt den Kopf in die Hände. Manchmal geht er zum Ticker und schaut, was dpa Neues meldet. Manchmal spielt er mit der Plastiklok auf seinem Tisch. Blauer Knopf für das volle Geräuscheprogramm. Im Hintergrund flimmert stumm ein Boxkampf von Henry Maske. "Auch wenn das keiner kapiert", sagt Wiebold, "aber das hier ist Glück". Dieser Friede. Alles schläft, nur man selbst ist lebendig. Kein Grund mehr, unruhig zu sein. Nichts tut mehr weh. Auch nicht diese verdammte, unheilbare Sucht nach dem Leben.

Quelle: DER SPIEGEL, 2/95

 

 

 

 

   

 

 

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