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WIEBOLD AKTUELL WIEBOLD TV WIEBOLD
Veröffentlicht: 14.1.05
Rheinischer Merkur 17.1.05
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Frankfurter Rundschau 3.2.05

Badische Zeitung vom Freitag, 14. Januar 2005

Jäger des ersten Bildes  

Das Leben ein Drama: Wolfgang Wiebold verdient sein Geld mit Bildern von Katastrophen

Von unserer Mitarbeiterin Antje Hildebrandt

Sündenfall Gladbeck: Journalisten umlagern einen der Entführer einer jungen Frau. FOTOS: DPA/HILDE ...mehr   

Es ist einer dieser Tage, an dem der Himmel so tief über Essen-Rüttenscheid hängt, dass die gelbe Reklame im Supermarkt an der Ecke wie ein Lichtblick wirkt. Wolfgang Wiebold hat schlecht geschlafen. Stundenlang hat er darauf gewartet, dass irgendwas passiert. Dass die Polizei Alarm schlägt. Großbrand im Altenheim. Oder: Blitzeis, Massenkarambolage am Kamener Kreuz. Das wären Bilder nach seinem Geschmack.

Doch nachts blieb alles ruhig. Jetzt ist es taghell, Wiebold sitzt auf einem durchgesessenen Drehstuhl in seinem Studio schräg gegenüber seiner Junggesellenbude und sondiert die Aufnahmen, die ein Lehrling von einem Unfall auf der A 43 gemacht hat. "Die Bilder sind nicht satt", knurrt er. Kälte plus Feuchtigkeit, das ergibt einen Blaustich. Wäre er bloß selber hinausgefahren. Wiebold flucht leise in sich hinein.

Die Nachrichtenflaute dauert schon Tage. Die Ringe unter seinen Augen kerben sich langsam ein. Wiebold ist 53, ein Kahlkopf, der Kette raucht und sich sein

 

Leben mit einem Handy teilt, das tatü-tata macht, wenn jemand anruft. Er kann nächtelang durcharbeiten. Doch wenn er Zeit hätte, um sich zu entspannen, weil nichts passiert, stürzt er in ein Loch. Einen Adrenalinjunkie nennt er sich selber. Es ist eine Berufskrankheit. Wolfgang Wiebold verdingt sich als "Nighthunter". Nachts, wenn alles schläft, der WDR, sogar die Jungs von Pro 7 oder SAT 1, geht er auf die Jagd nach Bildern. Unfälle und Katastrophen sind sein Geschäft.

Der Nighthunter ist ein neuer Typ Fernsehjournalist, der 24 Stunden am Tag einsatzbereit ist. Ein mobiles Einsatzkommando, das ohne Atemmaske Bilder vom Chemieunfall liefert und Schleichwege zu Tatorten von Verbrechen sucht, um möglichst spektakuläre Bilder zu liefern. "Die Branche ist ein Haifischbecken", sagt der Koordinator der ARD-Tagesschau, Manfred Bolz. Immer mehr Anbieter drängten auf den Markt, die Preise sinken. Obwohl die ARD-Tagesschau in den vergangenen 30 Jahren immer Beiträge eingekauft habe, seien ihre Budgets für freie Kameraleute kontinuierlich gesunken. Dabei gilt das Flaggschiff der TV-Nachrichten immer noch als einer der lukrativsten Sendeplätze: Bis zu 700 Euro zahlt die ARD Bilderjägern pro Sendeminute.

Wiebold ist der Bilderjäger im Revier. Wiebold war der Erste, der das Geiseldrama von Gladbeck gefilmt hat im Sommer 1988. Es war ein symbolträchtiges Bild. Über eine Feuerwehrleiter bringen sich die Patienten einer Arztpraxis in Sicherheit, während in der darunter liegenden Bankfiliale ein beispielloser Nervenkrieg beginnt. 54 Stunden lang verfolgen Reporter die Entführer und ihre Geiseln durch das Ruhrgebiet, Wiebold mittendrin. Vielleicht war das das eigentliche Drama. Die Geburt des Katastrophenjournalismus.

Wiebold seufzt. Was hat er sich nicht schon alles anhören müssen. Einen Bluthund haben sie ihn genannt, einen Leichenfledderer. So etwas bringt ihn in Rage, die Adern an seinem Hals schwellen fingerdick an. Seine Kritiker glaubt er zu durchschauen. "Die Leute, die am meisten meckern, sind am sensationsgeilsten." Mit Begriffen wie Ethik oder Moral darf man ihm nicht kommen. "Ich bilde die Wirklichkeit nur ab", beteuert er.

Es ist ein Balanceakt. Wiebold kennt dieses Gefühl aus seiner Jugend. Als 20-Jähriger hat er den Kick auf dem Trapez gesucht, im renommierten Zirkus Althoff. Menschen, Tiere, Sensationen. Als rasender Reporter muss er ohne Netz auskommen. Auf der Jagd nach den Entführern von Gladbeck sei ihm das zum ersten Mal bewusst geworden. Es war am zweiten Tag, hinter der holländischen Grenze. Die Polizei hat das Terrain um den Entführerbus abgesperrt. Doch irgendwo klafft eine Lücke, Wiebolds Auto rollt ohne Licht über Feldwege. Plötzlich, sagt er, sei es passiert. Auf einer einsamen Landstraße habe er sich neben dem Bus der Entführer wiedergefunden. Wenn die Story stimmt, ist sie filmreif. "Ich will gerade nach der Kamera greifen, da richtet der Degowski eine Waffe auf mich." Wiebold geht in Deckung und gibt Gas. Damals, sagt er, habe er eine Grenze überschritten. "Plötzlich war ich ein Bestandteil der Geschichte." Es klingt wie das Geständnis eines Junkies, der gelobt, sich nie wieder eine Überdosis zu spritzen.

Wiebold ist ein Triebtäter. Besessen von dem Wunsch, schneller zu sein als die Konkurrenz. Gierig auf etwas, das er für das Leben hält. Süchtig nach Anerkennung. Wiebold war der Erste, der den Flugplatz von Marl filmte, im Juni 2003 nach dem Absturz von Jürgen W. Möllemann. Ein Glückstreffer, frohlockt Wiebold. Am Vormittag jenes Tages sei er schon auf dem Weg nach Münster gewesen. Die Büroräume des Politikers würden durchsucht, hatte ihm jemand gesteckt. Auf der A 52, zwei Kilometer vor der Abfahrt Marl, kam ein Anruf von SAT 1. "Möllemann soll abgestürzt sein." Wiebold grinst. Soll. Mitunter ist der Konjunktiv sein bester Arbeitgeber. Es sei ein echter Glückstreffer gewesen, frohlockt er.

Das Gedächtnis ist ein Archiv des Schreckens

Seine Filme verkauft er an sämtliche Sender im Bundesgebiet. Sie laufen im RTL-Magazin "Spiegel TV", in dem Boulevardmagazin "Taff" (Pro 7), in den Regionalsendungen des WDR, aber auch in der ARD-Tagesschau.

Er kann nicht mehr unvorbelastet durch sein Revier kurven. Überall sind die Bilder. Wiebold hat sie in seinem Unterbewusstsein gespeichert, sein Gedächtnis, das ist ein Archiv des Schreckens, Geiseldramen, Explosionen, Unfallopfer, das ganze Programm. "Zu beinahe jeder Ecke im Ruhrgebiet kann ich eine Geschichte erzählen", sagt er.

Psychologen können dieses Verhaltensmuster erklären. Einer wie Wiebold muss die Wirklichkeit verdrängen, um nicht an ihr zu zerbrechen. "Durch den Sucher meiner Kamera sehe ich nur schwarz-weiße Bilder", sagt er. Vielleicht fühlt er sich in solchen Momenten wie im Kino. "Eine Leiche", redet er sich ein, "ist nur ein Wrack."

Doch die Bilder sind mächtig. Sie zehren an ihm. Wenn er die Stationen seiner Einsätze passiert, holt ihn die Realität ein. Flashback. Irgendwo in der Tiefe seines Unterbewusstseins blitzt eine Momentaufnahme auf. Und dazu ein schemenhaftes Gefühl. Angst. Ekel. Seltener auch Mitleid.

Wenn er darüber spricht, was er bei seinen Einsätzen erlebt, kommt Leben in den Roboter. Rettungssanitäter, Polizist, Feuerwehrmann. Wiebold spielt jede Szene mit verteilten Rollen. Wie in einer Actionserie reiht sich ein Klischee ans andere. Einer wie er kann sein Leben nur als schlechtes TV-Movie ertragen.

Wiebold sagt, es habe einmal eine Zeit gegeben, da habe er sich als Lokalfotograf für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) verdingt. Posaunenkonzerte, Kaffeekränzchen der Arbeiterwohlfahrt, solche Geschichten. Das sei vor seiner Scheidung gewesen. Seither hat sich in seinem Leben einiges verändert. Die zweite Matratze in seinem Doppelbett hat er in eine Plastikfolie gehüllt. Auf seinem Nachtisch steht der Empfänger für den Polizeifunk. Er läuft Tag und Nacht.

© Badische Zeitung - Alle Rechte vorbehalten 2005

Betrieb: FreiNet GmbH  

RHEINISCHER MERKUR 17.1.05

REPORTERSCHICKSAL

Der Bilderjäger

Wolfgang Wiebold verdient sein Geld mit Aufnahmen von Unfällen und Katastrophen. Ein mobiles Ein-Mann-Kommando, das Situationen erlebt, die andere Menschen um den Verstand bringen würden.

Autor: ANTJE HILDEBRANDT

Es ist einer dieser Tage, an dem der Himmel so tief über Essen-Rüttenscheid hängt, dass die gelbe Edeka-Reklame im Supermarkt an der Ecke wie ein Lichtblick wirkt. Wiebold hat schlecht geschlafen, seine Bettwäsche ist zerwühlt. Stundenlang hat er darauf gewartet, dass irgendwas passiert. Dass ihn ein Informant anruft oder die Polizei Alarm schlägt: Großbrand im Altenheim oder Blitzeis, Massenkarambolage am Kamener Kreuz. Das wären Bilder nach seinem Geschmack.

Doch es war eine ruhige Nacht. Nur ein zerquetschter Pkw auf der A 43, Richtung Münster, umgestürzte Bäume, ein Schwerverletzter, viel mehr gab der Polizeifunk nicht her. Jetzt ist es früh am Morgen, Wolfgang Wiebold sitzt auf einem durchgesessenen Drehstuhl in seinem Fernsehstudio schräg gegenüber seiner Junggesellenbude, die nur aus einer Küche, einer Dusche und einer einsamen Matratze in einem Doppelbett besteht, und sondiert die Aufnahmen von der A 43. ???Die Bilder sind nicht satt“, knurrt er. Kälte plus Feuchtigkeit, das ergibt einen Blaustich. Hätte er bloß nicht den Lehrling hinausgeschickt, wäre er bloß selber hinausgefahren. Wiebold flucht in sich hinein.

Die Nachrichtenflaute dauert schon eine Weile an. Die Ringe unter seinen Augen kerben sich langsam ein. Wiebold kann nächtelang durcharbeiten, er braucht nur eine Mütze Schlaf. Doch wenn er Zeit hat, sich zu entspannen, weil nichts passiert, stürzt er in ein Loch. Einen Adrenalin-Junkie, so nennt er sich selber. Es ist eine Berufskrankheit, wenn man so will. Wiebold ist ein Nighthunter. Nachts, wenn alles schläft, der WDR, ja sogar die Jungs von Pro 7 oder Sat 1, geht er auf die Jagd nach Bildern. Unfälle und Katastrophen sind sein Geschäft. Einer wie Wiebold hat niemals Feierabend. Nighthunter gibt es Tausende, es werden immer mehr. Alle träumen sie von dem einen Shot. Von Bildern, die nur sie allein haben, kein anderer.

Wiebold weiß, wie das ist. Er war der Erste, der das Geiseldrama von Gladbeck gefilmt hat im Sommer 1988. Es war ein symbolträchtiges Bild: Über eine Feuerwehrleiter bringen sich die Patienten einer Gladbecker Arztpraxis in Sicherheit, während in der darunter liegenden Filiale der Deutschen Bank ein beispielloser Nervenkrieg beginnt. 54 Stunden lang verfolgen Reporter die Entführer und ihre Geiseln durch das Ruhrgebiet, Wiebold mittendrin. Vielleicht war das das eigentliche Drama. Die Geburt des Katastrophenjournalismus.

Wiebold seufzt. Es ist kein Job, für den er das Bundesverdienstkreuz bekommen wird. Was hat er sich nicht schon alles anhören müssen. Einen Bluthund haben sie ihn genannt, einen Leichenfledderer, einen Geier. Die Kritik bringt ihn in Rage, die Adern an seinem Hals schwellen fingerdick an. Mit seinen Bildern sei es wie mit den Klatschzeitungen, glaubt er: Keiner hat sie gelesen, aber jeder weiß, was drinsteht.

Mit Begriffen wie Ethik oder Moral darf man ihm nicht kommen. ???Ich bilde die Wirklichkeit nur ab“, beteuert er. Es ist ein Balanceakt, Top oder Flop, Wiebold kennt dieses Gefühl aus seiner Jugend. Als 20-Jähriger hat er den Kick auf dem Trapez gesucht, im renommierten Zirkus Althoff. Menschen, Tiere, Sensationen. Als rasender Reporter muss er ohne Netz auskommen. Auf der Jagd nach den Entführern von Gladbeck sei ihm das zum ersten Mal bewusst geworden, beteuert er.

Es war am zweiten Tag, hinter der holländischen Grenze. Vor Beginn der Dunkelheit hat die Polizei das Terrain um den Entführerbus abgesperrt. Doch irgendwo klafft eine Lücke. Irgendwie schafft es Wiebold, sich einen Schleichweg zum Tatort zu bahnen. Über einen Feldweg rollt er in die Sicherheitszone, die Scheinwerfer hat er ausgemacht.

Plötzlich, sagt er, sei es passiert: Auf einer einsamen Landstraße habe er sich neben dem Bus der Entführer wiedergefunden. Wenn die Story stimmt, ist sie filmreif. ???Ich will gerade nach der Kamera greifen, da richtet der Degowski eine Waffe auf mich.“ Wiebold geht in Deckung und gibt Gas. Damals, sagt er, habe er eine Grenze überschritten. ???Plötzlich war ich Bestandteil der Geschichte.“ Er ist ein Triebtäter. Besessen von dem Wunsch, schneller zu sein als die Konkurrenz. Gierig auf etwas, was er für das Leben hält. Süchtig nach Anerkennung. Wiebold ist der Bilderjäger im Ruhrgebiet. Er hat es als Einziger geschafft, sich einen Weg hinter die Absperrbänder zu bahnen, als am 13. März 2000 im holländischen Enschede eine Feuerwerksfabrik in die Luft geflogen ist. Auch am Tod von Jürgen W. Möllemann hat er gut verdient.

Er war der Erste, der den Flugplatz von Marl filmte im Sommer 2003, nach dem Absturz des ehemaligen FDP-Vizechefs. Am Vormittag jenes Tages sei er schon auf dem Weg nach Münster gewesen. Es hatte geheißen, die Büroräume des Politikers werden durchsucht. Auf der A 42, zwei Kilometer vor der Abfahrt zum Flugplatz, kam ein Anruf von Sat 1: ???Möllemann soll abgestürzt sein.“ Wiebold grinst. Es sei ein echter Glückstreffer gewesen, frohlockt er.

Seine Filme verkauft er an sämtliche Sender im Bundesgebiet. Sie laufen im RTL-Magazin ???Spiegel TV“, in dem Boulevardmagazin ???taff“ von Pro 7, in den Regionalsendungen des WDR, aber auch in der ???Tagesschau“. Gelegentlich rufen ihn die Kollegen vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen auch an, wenn‘s brennt. Wenn die eigenen Teams alle unterwegs sind und die Tagesschau noch schnell einen O-Ton eines Politikers braucht. Wiebolds Audi A6 bringt es auf 240 Stundenkilometer. Er kennt jeden Schleichweg im Ruhrgebiet, jede Blitzekiste. Auf der Rückbank hockt sein Irish Setter Eiko. Wiebold sagt, den liebe er über alles. ???Wenn Eiko dabei ist, darf nichts passieren. Das beruhigt.“ Er kann nicht mehr unbelastet durch sein Revier kurven. Da sind die Bilder in seinem Kopf. Er hat sie in seinem Unterbewusstsein gespeichert. Seine Erinnerung, das ist ein Archiv des Schreckens, Geiseldramen, Explosionen, Unfallopfer, das ganze Programm. ???Zu beinahe jeder Ecke im Ruhrgebiet kann ich eine Geschichte erzählen“, sagt er.

Psychologen können dieses Verhaltensmuster erklären. Einer wie Wiebold muss die Wirklichkeit verdrängen, um nicht an ihr zu zerbrechen. ???Durch den Sucher meiner Kamera sehe ich nur schwarz-weiße Bilder“, sagt er. Vielleicht fühlt er sich in solchen Momenten wie im Kino. ???Eine Leiche“, redet er sich ein, ???ist nur ein Wrack.“ Er erledigt seine Arbeit mechanisch, wie ein Roboter. ???Es kommt nur auf das Tempo an. Ich fahre hin, halte drauf, zack – und bin wieder weg.“ Leichter gesagt als getan. Die Bilder sind mächtig. Er merkt das, wenn er die Stationen seiner Einsätze passiert. In solchen Momenten holt ihn die Realität ein. Flashback. Irgendwo in der Tiefe seines Unterbewusstseins blitzt eine Aufnahme auf. Und ein schemenhaftes Gefühl.

Wenn er darüber spricht, was er bei seinen Einsätzen erlebt, kommt Leben in den Mann. Rettungssanitäter, Polizist, Feuerwehrmann. Wiebold spielt jede Szene mit verteilten Rollen. Es ist wie in einer dieser Action-Serien, wie in ???Alarm für Cobra 11“ oder ???Die Autobahnpolizei“. Vielleicht kann er sein Leben nur als Drama ertragen.

Wiebold sagt, es habe einmal eine Zeit gegeben, da habe er sich als Lokalfotograf für die ???Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ) verdingt. Posaunenkonzerte, Kaffeekränzchen der Arbeiterwohlfahrt, solche Geschichten. Das sei vor seiner Scheidung gewesen. Seither finde er sich im richtigen Leben immer weniger zurecht. Seine Wohnung sieht aus wie eine Baustelle. Keine Tapete an den Wänden, die Möbel eingehüllt in durchsichtige Plastikfolie. Wiebold sagt: ???Ich bin dabei zu renovieren.“

Gelegentlich verfolgen ihn die Bilder bis in seine Träume. An der Auffahrt zur A 52 nach Duisburg klopft der tote Motorradfahrer an, der vor Jahren mit dem Kopf auf der Bordsteinkante aufgeprallt war. So etwas hatte Wiebold noch nie gesehen, einen zerschmetterten Schädel. Er sagt, bei seinem Anblick sei er ohnmächtig geworden. Damals habe er sich eingeredet: ???So etwas passiert dir nie wieder.“ Seither sehe er bei der Arbeit nur schwarz-weiß.

Er steckt sich eine Zigarette an, die wer weiß wievielte an diesem Morgen. Er ist jetzt 53, ein Kahlkopf, der sein Leben mit einem Handy teilt, das tatütata macht, wenn ein Anruf kommt. ???Micha, was gibt’s? Ein Selbstmörder auf dem Kaufhausdach? Ja, das packe ich. Ist bei mir um die Ecke.“

Sein Studio befindet sich neben einem Gyros-Grill. Wenn er aus dem Fenster schaut, fällt sein Blick auf die graue Fassade eines Wasch-Centers. Es ist keine schöne Gegend, weder zum Wohnen noch zum Arbeiten. Vor seiner Tür steht der silberfarbene Audi. Wiebold geht einmal um den Wagen herum, bevor er einsteigt. Er ist vorsichtig geworden. Die Branche ist ein Haifischbecken. Darin tummeln sich einige Dutzend Agenturen und wer weiß wie viele Subunternehmer. Mobile Einsatzkommandos, die billiger und flexibler sind als die Kamerateams der Fernsehsender. Wiebold, Marktführer im Ruhrgebiet, wähnt sich umzingelt von Feinden. Mal hätten sie ihm die Reifen zerstochen, mal Zucker in den Tank gekippt, sagt er, ???dass ich noch nicht erschossen wurde, grenzt an ein Wunder“.

Er glaubt zu wissen, wer sie sind: ehemalige Mitarbeiter, die er vor die Tür gesetzt hat, weil sie ???zu lahmarschig“ gewesen seien oder mit unseriösen Methoden gearbeitet hätten. In seinem Business geht es um Sekunden. Wiebold sagt, es gäbe Kollegen, die ihre Bilder schon verkauften, bevor sie am Tatort gewesen seien.

Er ist in der Essener Innenstadt angelangt, ein Feuerwehrmann winkt ihn nach rechts auf den Bürgersteig: ???Du kannst wieder umdrehen, Wolfgang. Der Selbstmörder ist schon wieder unten.“ Wiebold kurbelt das Fenster hoch und fährt los. Seine Enttäuschung hält sich in Grenzen. Polizeireporter Wiebold im Einsatz ???Wenn er gesprungen wäre, hätte es eh keiner gezeigt.“

FRANKFURTER RUNDSCHAU 3.2.05

Jäger des spektakulären Bildes

Professionelle Katastrophenfilmer leben vom Unglück der anderen - Wolfgang Wiebold ist einer von ihnen

VON ANTJE HILDEBRANDT

Es ist einer dieser Tage, an dem der Himmel so tief über Essen-Rüttenscheid hängt, dass die gelbe Edeka-Reklame im Supermarkt an der Ecke wie ein

Lichtblick wirkt. Wiebold hat schlecht geschlafen, seine Bettwäsche ist zerwühlt. Stundenlang hat er darauf gewartet, dass irgendwas passiert. Dass die Polizei Alarm schlägt. Großbrand in Altenheim. Oder: Blitzeis, Massenkarambolage am Kamener Kreuz, das wären Bilder nach seinem Geschmack.

Doch nachts blieb alles ruhig. Ein zerquetschter Pkw auf der A 43, Richtung Münster, umgestürzte Bäume, ein Schwerverletzter, mehr gab der Polizeifunk nicht her. Jetzt ist es taghell, Wiebold sitzt auf einem durchgesessenen Drehstuhl in seinem Fernsehstudio, schräg gegenüber seiner Junggesellenbude, die nur aus einer Küche, einer Dusche und einer einsamen Matratze in einem Doppelbett besteht, und sondiert die Aufnahmen von der A 43. "Die Bilder sind nicht satt", knurrt er. Kälte plus Feuchtigkeit, das ergibt einen Blaustich. Hätte er bloß nicht den Lehrling hinausgeschickt, wäre er bloß selber hinausgefahren. Wiebold flucht leise in sich hinein.

Die Nachrichtenflaute dauert schon eine Weile an. Die Ringe unter seinen Augen kerben sich langsam ein. Wiebold kann nächtelang durcharbeiten, er braucht nur eine Mütze Schlaf. Doch wenn er Zeit hat, sich zu entspannen, weil nichts passiert, stürzt er in ein Loch. Einen Adrenalinjunkie, so nennt er sich selber. Es ist eine Berufskrankheit, wenn man so will. Wolfgang Wiebold ist ein Nighthunter. Nachts, wenn alles schläft, der WDR, ja, sogar die Jungs von Pro 7 oder SAT 1, geht er auf die Jagd nach Bildern. Unfälle und Katastrophen sind sein Geschäft. Einer wie Wiebold hat niemals Feierabend. Nighthunter gibt es Hunderte, es werden immer mehr. Alle träumen sie von dem einen Shot. Von Bildern, die nur sie alleine haben, kein anderer.

Wiebold weiß, wie das ist. Er war der Erste, der das Geiseldrama von Gladbeck gefilmt hat, im Sommer 1988. Es war ein symbolträchtiges Bild. Über eine Feuerwehrleiter bringen sich die Patienten einer Arztpraxis in Sicherheit, während in der darunter liegenden Filiale der Deutschen Bank ein beispielloser Nervenkrieg beginnt. 54 Stunden lang verfolgen Reporter die Entführer und ihre Geiseln durch das Ruhrgebiet, Wiebold mittendrin. Vielleicht war das das eigentliche Drama. Die Geburt des Katastrophenjournalismus'.

"Bluthund" wird er genannt

Wiebold seufzt. Was hat er sich nicht schon alles anhören müssen. Einen Bluthund haben sie ihn genannt, einen Leichenfledderer. So etwas bringt ihn in Rage, die Adern an seinem Hals schwellen fingerdick an. Er glaubt, seine Kritiker zu durchschauen: "Die Leute, die am meisten meckern, sind am sensationsgeilsten."

Mit Begriffen wie Ethik oder Moral darf man ihm nicht kommen. "Ich bilde die Wirklichkeit nur ab", beteuert er. Es ist ein Balanceakt. Wiebold kennt dieses Gefühl aus seiner Jugend. Als Erster beim Möllemann-Absturz

Auch am Tod von Jürgen W. Möllemann hat er gut verdient. Er war der erste, der den Flugplatz von Marl filmte, im Juni 2003 nach dem Absturz des ehemaligen FDP-Vizechefs. "Ein Glückstreffer", frohlockt Wiebold. Am Vormittag jenes Tages sei er auf dem Weg nach Münster gewesen. Die Büroräume des Politikers würden durchsucht, hatte ihm jemand gesteckt. Auf der A 52, zwei Kilometer vor der Abfahrt Marl, kam ein Anruf von SAT 1: "Möllemann soll abgestürzt sein." Wiebold grinst. Soll. Mitunter ist der Konjunktiv sein bester Arbeitgeber. Es sei ein echter Glückstreffer gewesen, frohlockt er.

Seine Filme verkauft er an sämtliche Sender im Bundesgebiet. Sie laufen im RTL-Magazin "Spiegel TV", in dem Boulevardmagazin "Taff" (Pro 7), in den Regionalsendungen des WDR, aber auch in der ARD-Tagesschau. Gelegentlich rufen ihn die Kollegen vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen auch an. Wenn die eigenen Teams alle unterwegs sind und die Tagesschau noch schnell einen O-Ton eines Politikers braucht. Wiebolds Audi 6 bringt es auf 240 Stundenkilometer. Er kennt jeden Schleichweg im Ruhrgebiet, jede Blitzekiste. Wenn er mit Vollgas zu seinem Einsatz rast, hockt sein Irish Setter Eiko auf dem Rücksitz. Wiebold sagt, den liebe er über alles. "Wenn er dabei ist, darf nichts passieren."Er kann nicht mehr unvorbelastet durch sein Revier kurven. Da sind die Bilder in seinem Kopf. Er hat sie in seinem Unterbewusstsein gespeichert, sein Gedächtnis, das ist ein Archiv des Schreckens, Geiseldramen, Explosionen, Unfallopfer, das ganze Programm. "Zu beinahe jeder Ecke im Ruhrgebiet kann ich eine Geschichte erzählen", sagt er.

Psychologen können dieses Verhaltensmuster erklären. Einer wie Wiebold muss die Wirklichkeit verdrängen, um nicht an ihr zu zerbrechen. "Durch den Sucher meiner Kamera sehe ich nur schwarz-weiße Bilder", sagt er. Vielleicht fühlt er sich in solchen Momenten wie im Kino. "Eine Leiche", redet er sich ein, "ist nur ein Wrack."

Er erledigt seine Arbeit mechanisch, wie ein Roboter. "Es kommt nur auf das Tempo an. Ich fahre hin, halte drauf, zack - und bin wieder weg." Vielleicht beginnt die eigentliche Arbeit erst hinterher. Die Bilder sind mächtig. Sie zehren an ihm. Er merkt das, wenn er an den Stationen seiner Einsätze vorbeikommt. Dann holt ihn die Realität ein. Flashback.

Irgendwo in der Tiefe seines Unterbewusstseins blitzt eine Momentaufnahme auf. Und dazu ein schemenhaftes Gefühl. Angst. Ekel. Seltener auch Mitleid. Auf seine Homepage hat er Bilder von einem umgekippten Viehtransporter gestellt. Man sieht Schweine, die auf der A 45 bei Lüdenscheid sterben. Wiebold sagt, der verletzte Fahrer tue ihm nicht leid. Der sei selber schuld. "Warum ist der gerast?" Doch beim Anblick der armen Schweine könnte er heulen.

Das Leben als schlechtes TV-Movie

Wenn er darüber spricht, was er bei seinen Einsätzen erlebt, kommt Leben in den Roboter. Rettungssanitäter, Polizist, Feuerwehrmann. Wiebold spielt jede Szene mit verteilten Rollen. Es ist wie in einer dieser Action-Serien. "Alarm für Cobra 11" oder "Der Clown" Ein Klischee reiht sich ans andere. Einer wie er kann sein Leben nur als schlechtes TV-Movie ertragen.

Wiebold sagt, es habe einmal eine Zeit gegeben, da habe er sich als Fotograf für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung verdingt. Posaunenkonzerte, Kaffeekränzchen der Arbeiterwohlfahrt, solche Geschichten. Das sei vor seiner Scheidung gewesen. Seither hat sich in seinem Leben einiges verändert.

Er kann nicht mehr unvorbelastet durch sein Revier kurven. Da sind die Bilder in seinem Kopf. Er hat sie in seinem Unterbewusstsein gespeichert, sein Gedächtnis, das ist ein Archiv des Schreckens, Geiseldramen, Explosionen, Unfallopfer, das ganze Programm. "Zu beinahe jeder Ecke im Ruhrgebiet kann ich eine Geschichte erzählen", sagt er.

Psychologen können dieses Verhaltensmuster erklären. Einer wie Wiebold muss die Wirklichkeit verdrängen, um nicht an ihr zu zerbrechen. "Durch den Sucher meiner Kamera sehe ich nur schwarz-weiße Bilder", sagt er. Vielleicht fühlt er sich in solchen Momenten wie im Kino. "Eine Leiche", redet er sich ein, "ist nur ein Wrack."

Er erledigt seine Arbeit mechanisch, wie ein Roboter. "Es kommt nur auf das Tempo an. Ich fahre hin, halte drauf, zack - und bin wieder weg." Vielleicht beginnt die eigentliche Arbeit erst hinterher. Die Bilder sind mächtig. Sie zehren an ihm. Er merkt das, wenn er an den Stationen seiner Einsätze vorbeikommt. Dann holt ihn die Realität ein. Flashback.

Irgendwo in der Tiefe seines Unterbewusstseins blitzt eine Momentaufnahme auf. Und dazu ein schemenhaftes Gefühl. Angst. Ekel. Seltener auch Mitleid. Auf seine Homepage hat er Bilder von einem umgekippten Viehtransporter gestellt. Man sieht Schweine, die auf der A 45 bei Lüdenscheid sterben. Wiebold sagt, der verletzte Fahrer tue ihm nicht leid. Der sei selber schuld. "Warum ist der gerast?" Doch beim Anblick der armen Schweine könnte er heulen.

Das Leben als schlechtes TV-Movie

Wenn er darüber spricht, was er bei seinen Einsätzen erlebt, kommt Leben in den Roboter. Rettungssanitäter, Polizist, Feuerwehrmann. Wiebold spielt jede Szene mit verteilten Rollen. Es ist wie in einer dieser Action-Serien. "Alarm für Cobra 11" oder "Der Clown" Ein Klischee reiht sich ans andere. Einer wie er kann sein Leben nur als schlechtes TV-Movie ertragen.

Wiebold sagt, es habe einmal eine Zeit gegeben, da habe er sich als Fotograf für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung verdingt. Posaunenkonzerte, Kaffeekränzchen der Arbeiterwohlfahrt, solche Geschichten. Das sei vor seiner Scheidung gewesen. Seither hat sich in seinem Leben einiges verändert.

Die zweite Matratze in seinem Doppelbett hat er in eine durchsichtige Plastikfolie gehüllt. Auf seinem Nachtisch steht der Empfänger für den Polizeifunk. Er läuft Tag und Nacht. Die Wohnung sieht aus wie eine Baustelle. Keine Tapete an den Wänden, die Möbel stapeln sich in dem Raum, der einmal das Wohnzimmer war. Wiebold sagt: "Ich habe angefangen zu renovieren."

Gelegentlich verfolgen ihn die Bilder bis in seine Träume. An der Auffahrt zur A 52 nach Duisburg erscheint der tote Motorradfahrer, der vor Jahren mit dem Kopf auf der Bordsteinkante aufgeprallt war. So etwas hatte Wiebold noch nie gesehen. Einen zerschmetterten Schädel. Er sagt, bei seinem Anblick sei er ohnmächtig geworden. Damals habe er sich eingeredet: "So etwas passiert Dir nie wieder." Seither sehe er auf der Jagd nur noch schwarz-weiß.

Er steckt sich eine Zigarette an, die werweißwievielte an diesem Morgen. Er ist jetzt 53, ein Kahlkopf, der sich sein Leben mit einem Handy teilt, das tatü-tata macht, wenn ein Anruf kommt. "Micha, was gibt's? Ein Selbstmörder auf dem Kaufhausdach? Ja, das packe ich. Ist bei mir um die Ecke."

Sein Studio befindet sich neben einem Gyros-Grill. Wenn er aus dem Fenster schaut, fällt sein Blick auf die graue Fassade eines Waschcenters. Es ist keine schöne Gegend, wer hier wohnt, braucht ein Auto. Vor seiner Tür steht ein silberfarbener Audi 6. Wiebold geht einmal um den Wagen herum, bevor er einsteigt.

Er ist misstrauisch geworden. Die Branche ist ein Haifischbecken. Darin tummeln sich einige Dutzend Agenturen und zahllose Subunternehmer. Mobile Einsatzkommandos, die billiger und flexibler sind als die Kamerateams der Fernsehsender. Wiebold, Marktführer im Ruhrgebiet, wähnt sich umzingelt von Feinden. Mal hätten sie ihm die Reifen zerstochen, mal Zucker in den Tank gekippt, sagt er. "Dass ich noch nicht erschossen wurde, grenzt an ein Wunder."

Er glaubt zu wissen, wer sie sind. Ehemalige Mitarbeiter, die er vor die Tür gesetzt hat, weil sie "zu lahmarschig" gewesen seien oder mit unseriösen ethoden gearbeitet hätten. In seinem Business geht es um Sekunden. Wiebold sagt, es gäbe Kollegen, die ihre Bilder schon verkauften, bevor sie am Tatort gewesen seien.

Er ist in der Innenstadt angelangt, ein Feuerwehrmann winkt ihn in seinem Audi rechts auf den Bürgersteig heran: "Du kannst wieder umdrehen, Wolfgang. Der Selbstmörder ist schon wieder unten." Wiebold kurbelt das Fenster hoch und fährt los. Seine Enttäuschung hält sich in Grenzen. "Wenn der Typ gesprungen wäre, hätte es eh keiner gezeigt."

 

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